Versteckte Preiserhöhung oder echte Chance für die Logistik?
Die neue Realität am Packtisch
Ein Paket wiegt 4,5 kg – abgerechnet werden plötzlich 9 oder sogar 11 kg.
Was zunächst wie ein Fehler wirkt, ist in Wahrheit Ausdruck eines grundlegenden Wandels im KEP-Markt.
Was im internationalen Expressversand seit Jahren Standard ist, hat inzwischen auch den nationalen Paketmarkt erreicht. Anbieter wie UPS setzen die Abrechnung nach Volumengewicht seit Langem konsequent ein. GLS und DPD haben entsprechende Modelle bereits eingeführt. Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt: Was ein großer Marktteilnehmer etabliert, wird mittelfristig zum Standard – ähnlich wie bei Maut- oder Dieselzuschlägen.
Die Auswirkungen sind im operativen Alltag unmittelbar spürbar. Am Packtisch treffen Zeitdruck und steigende Komplexität aufeinander. Entscheidungen, die früher auf Erfahrungswerten basierten, lassen sich heute kaum noch „im Kopf“ treffen. Ein Paket mit identischem Gewicht kann – je nach Dienstleister und Abrechnungsmodell – unterschiedlich teuer sein.
Die eigentliche Herausforderung liegt damit nicht nur in steigenden Kosten, sondern in der veränderten Entscheidungslogik.
Warum jetzt? Die Logik hinter der „Luftfracht“
Die Gründe für diese Entwicklung sind wirtschaftlich klar nachvollziehbar.
Steigende Kosten in Transport und Infrastruktur lassen sich nicht mehr allein über klassische Preisanpassungen kompensieren. Gleichzeitig wird in der Praxis nach wie vor ein erheblicher Anteil „Luft“ transportiert: überdimensionierte Kartons, ineffiziente Verpackungen und ungenutzte Volumen.
Ein entscheidender Hebel liegt im Hauptlauf. Während heute häufig 400 bis 600 Pakete auf einer Wechselbrücke transportiert werden, sind bei optimierten Volumina 800 bis 1.000 Pakete und mehr realistisch. Bei Transportkosten von rund 1.000 Euro für einen LKW mit zwei Wechselbrücken bedeutet das:
- bei 500 Paketen pro Wechselbrücke: ca. 1,00 € pro Paket
- bei 850 Paketen pro Wechselbrücke: ca. 0,58 € pro Paket
Das entspricht einer massiven Effizienzsteigerung pro Transport.
Die Abrechnung nach Volumengewicht ist damit kein reines Preismodell, sondern ein Steuerungsinstrument. Sie zwingt Versender dazu, Volumen zu reduzieren – aus wirtschaftlichen Gründen, mit positiven ökologischen Nebeneffekten.
Mehr als nur Volumengewicht: Wenn Pakete „mehrfach teurer“ werden
Das Volumengewicht ist dabei nur ein Teil der Entwicklung. Parallel etablieren sich zusätzliche volumen- und maßabhängige Zuschläge.
Typische Schwellenwerte sind:
- Volumen oberhalb definierter Grenzwerte (z. B. 150 Liter)
- Länge über 100 oder 120 cm
- Breite über 60 cm
Diese Faktoren wirken in Kombination – und verstärken sich gegenseitig, insbesondere durch prozentuale Zuschläge wie den Dieselzuschlag.
Was das konkret bedeutet, zeigen einfache Beispiele:
Ein Paket mit 4,5 kg und den Maßen 30 × 30 × 60 cm
→ Volumengewicht:
- bei Divisor 5000: 10,8 kg
- bei Divisor 6000: 9,0 kg
Ergebnis: Abrechnung in der 10-kg- oder sogar 15-kg-Staffel statt 5 kg.
Ein Paket mit 9 kg und 30 × 40 × 90 cm
→ Volumengewicht:
- bei Divisor 5000: 21,6 kg
- bei Divisor 6000: 18,0 kg
Hier erfolgt die Abrechnung je nach Modell mit rund 18 bis 22 kg – mehr als eine Verdopplung. In Kombination mit prozentualen Zuschlägen verstärkt sich dieser Effekt weiter, insbesondere im internationalen Versand.
Ein Paket wird damit nicht nur rechnerisch schwerer – es wird strukturell teurer.
Die Herausforderung: Komplexität frisst Zeit (und Geld)
Mit der Einführung des Volumengewichts steigt vor allem eines: die Komplexität.
Unterschiedliche Divisoren, Tarifstaffeln und Zuschlagsmodelle machen einen direkten Vergleich nahezu unmöglich. Gleichzeitig entstehen Fehlentscheidungen im operativen Alltag – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Komplexität schlicht nicht mehr manuell beherrschbar ist.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem:
Der Einkauf verhandelt Tarife, die tatsächlichen Kosten entstehen jedoch durch Verpackung und operative Prozesse.
Vermeintlich günstige Verpackungslösungen führen so häufig zu höheren Transportkosten – eine klassische „False Economy“.
Die Komplexität verschiebt sich damit zunehmend vom Frachtführer zum Versender.
Die Lösung: Aufrüstung statt Resignation
Die steigende Komplexität erfordert ein Umdenken. Manuelle Entscheidungen stoßen hier an klare Grenzen.
Was heute am Packtisch nicht mehr zuverlässig entschieden werden kann, muss systemseitig abgebildet werden.
Dazu gehören:
- automatisierte Auswahl des optimalen Frachtführers
- Berücksichtigung von Gewicht, Volumen und Zuschlägen in Echtzeit
- regelbasierte Versandentscheidungen
Auch die Datenerfassung verändert sich. Während die Waage am Packtisch oder in der Fördertechnik seit Jahren Standard ist, entwickelt sich die Volumenerfassung gerade zum neuen Normal. Systeme zur automatisierten Volumenmessung sind noch nicht flächendeckend im Einsatz, gewinnen jedoch spürbar an Bedeutung.
Parallel dazu entstehen Lösungen, die Verpackungen automatisch an den Inhalt anpassen („fit-to-size“) und so unnötiges Volumen vermeiden.
Rechnungsprüfung: Vom Problem zur Pflicht
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Frachtkostenprüfung.
Schon heute ist die manuelle Prüfung von Frachtrechnungen aufwendig und fehleranfällig. Mit der Einführung zusätzlicher Parameter wie Volumengewicht und Zuschlägen steigt die Komplexität weiter – und damit auch die Fehlerquote.
Für Versender bedeutet das:
Was heute bereits kaum vollständig geprüft werden kann, wird künftig ohne systemseitige Unterstützung faktisch nicht mehr kontrollierbar sein.
Die Folge sind nicht nur steigende Kosten, sondern auch ein wachsender administrativer Aufwand ohne Verhältnis zum möglichen Einsparpotenzial.
Daten werden zum Wettbewerbsvorteil
Mit der steigenden Komplexität wächst die Bedeutung von Daten.
Transparente Versanddaten ermöglichen:
- belastbare Tarifvergleiche
- fundierte Verhandlungen
- kontinuierliche Optimierung
Gleichzeitig werden sie zur Grundlage für Controlling, Einkauf und strategische Entscheidungen.
Wer seine Versanddaten nicht kennt, verliert die Kontrolle über seine Kosten.
Verpackung wird zum strategischen Hebel
Parallel verändert sich die Rolle der Verpackung grundlegend.
Weniger Volumen bedeutet:
- geringere Transportkosten
- niedrigere Materialkosten
- bessere Auslastung logistischer Kapazitäten
Zusätzlich gewinnt das Thema auch aus Kundensicht an Bedeutung. Große Versender wie Amazon greifen das Thema aktiv auf und positionieren sich mit reduzierten Verpackungen oder alternativen Versandlösungen bewusst in Richtung Nachhaltigkeit. Begriffe wie „Verpackungs-Shaming“ sind längst im Markt angekommen.
Verpackung wird damit nicht nur zum Kostenfaktor, sondern auch zum Imagefaktor.
Fazit: Die Chance hinter dem Volumen
Die Abrechnung nach Volumengewicht führt zu steigenden Kosten, höherer Komplexität und neuen Anforderungen an Prozesse und Systeme.
Gleichzeitig eröffnet sie erhebliche Potenziale.
Durch den Einsatz geeigneter Systeme zur Versandsteuerung, Volumenerfassung und Frachtkostenprüfung lassen sich Einsparungen von 8 bis 14 % realisieren. Optimierte Verpackungen reduzieren zusätzlich Material- und Transportkosten. In Summe sind – abhängig von Struktur und Versandprofil – deutlich höhere Effekte möglich.
Gleichzeitig entsteht ein neuer Hebel in der Zusammenarbeit mit Frachtführern. Wer seine Volumina im Griff hat, schafft bessere Voraussetzungen für belastbare und attraktive Konditionen.
Unternehmen, die diese Potenziale nutzen, verschaffen sich messbare Wettbewerbsvorteile – gegenüber jenen, die weiterhin reaktiv agieren.
Die Entwicklung ist eindeutig:
Weitere Frachtführer werden folgen, Preismodelle werden komplexer und Volumengewicht wird sich als Standard etablieren.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob sich der Versand verändert – sondern wie aktiv diese Veränderung gestaltet wird.